Yasmine Salimi

Polaroid

StadtRevue 3/11

 

Wer ist diese Veronika, die Alex von alten Polaroidfotos und aus der Erinnerung an einen Familienurlaub ent­gegenlächelt? Keiner weiß es, doch jeder macht sich ein Bild von ihr. Wie aus Bild­schnipseln entsteht in »Polaroid« von Jan Dittgen und Andreas Gründel Szene für Szene ein Gesamtbild. Dass Veronika eine Terroristin ä la RAF war, schockiert viel­leicht die Spießer, Alex jedoch erhebt sie zum Vorbild und begehrt gegen die Le­thargie unserer Zeit auf. Bei einem insge­samt eher durchwachsen spielenden En­semble macht Isabel Hemmings facetten­reiche Darstellung der Veronika die Kom­plexität von Identität greifbar. Regisseur Karsten Schönwald bietet dem Text stets eine bereichernde Reibungsfläche: So macht das Rekonstruieren von Geschichte und Identität Spaß, was den Status des Nö-Theater als Hoffnungsträger nur be­kräftigt.

 

 

 

Jessica Düster

Kurzkritik - Theater: Polaroid

KStA, 5./6.02.2011

 

Polaroids sind verschwundene Relikte der Achtziger. Eine solche vergilbte Momentaufnahme findet Protagonist Alex. Konfrontiert mit sukzessiv zurückkehrenden Erinnerungen an die darauf abgebildete "Tante Veri" setzt sich der junge Hedonist über ein Vierteljahrhundert später erstmals mit dem politischen Umfeld seiner Elterngeneration auseinander. Auf einer zweiten Handlungsebene springt das Drama in die Vergangenheit; die Zuschauer werden Zeugen der Freundschaft jener mysteriösen Veronika mit Alex' Mutter - und erleben den allmählichen Zusammenbruch einer zerrissenen Persönlichkeit mit offensichtlich terroristischem Hintergrund. Mit der Uraufführung "Polaroid", ihrem Debüt als Autoren, bringen Jan Dittgen und Andreas Gründel auf intelligent konstruierte Weise Menschen im heutigen Studentenalter eine oft wenig bekannte Zeit nahe. Dabei gibt es Leerstellen, die das Publikum selbst zu füllen hat - was zum Finale hin allerdings unbefriedigend wirkt. Karsten Schönwald inszeniert die Koproduktion der freien Ensembles nö-theater und theater24 überwiegend im naturalistischen Stil eines Fernsehspiels; ein auf Authentizität abzielender Ansatz, der hier auch schauspielerisch nicht durchgängig überzeugt. Fesselnd agieren vor allem Christian Stock (Alex) und Isabel Hemming (Veronika). Ein dramaturgisches Problem hat die fast zweistündige Aufführung mit ihrem recht niedrigen Tempo.

 

 

 

Thomas Linden

Alles verschwimmt - Ensemble nö-Theater begibt sich mit „Polaroid" auf die Suche nach Erinnerungen

KR, 02.02.2012

 

Kurz bevor sie abgeschafft wurden, erlebten die Polaroids in den achtziger Jahren noch einmal eine Blüte ihrer Beliebtheit. Inzwischen hat die digitale Technik unser Verständnis von Authentizität neu definiert, aber damals galten die verschwommenen Bilder der Sofortbildkamera als ultimativer Ausdruck dafür.

 

Jan Dittgen und Andreas Gründel nehmen in ihrem Autorendebüt „Polaroid" dieses Phänomen des flüchtigen Bildermachens klug und umsichtig auf. Für das nö-theater, das im letzten Jahr mehrfach für Kölner Theaterpreise nominiert war, schrieben sie ein Stück, das in vielen kleinen Szenen von einem Familiengeheimnis erzählt.

 

Die erwachsenen Geschwister Alex (Christian Stock) und Kathrin (Yuri B. Anderson) erinnern sich anhand eines alten Fotos an Veronika (Isabel Hemming). Sie war eine Freundin der inzwischen toten Mutter (Sophie Schmid) und wurde vom Vater der beiden (Heinz Welper) aus ganzem Herzen verabscheut. Offenbar hatte Veronika mehr als nur Freundschaft von der Mutter gewollt; später entpuppte sie sich als Sympathisantin der Terrorszene.

 

Das Stück ist interessant und reflektiert entwickelt, es bewegt sich stets zwischen gestern und heute, und es spielt mit Erotik und Politik. Karsten Schönwald inszeniert die vielen kurzen Szenen flüssig, zu jedem Bild entwickelt er Ideen für das Setting auf der spartanischen Bühne des Theaters im Hof. Der Teufel steckt mitunter im Detail. In mancher Szene wird zu viel, in anderen zu wenig erzählt. Dass die Anzahl der Szenen zu hoch ist, entspricht zwar der Neigung, immer zu viele Schnappschüsse zu machen, dramaturgisch ergeben sich aber Probleme.

 

Getragen wird das Stück vom begeistert agierenden Ensemble (das von Elina Katalycioglu, Martin Benick und der Stimme von Michael Behrendt trefflich abgerundet wird) und dem Willen, mit Inhalten zu überzeugen.

 

 

 

G.A.

Empfehlung

Kulturclub.de, 03.02.2011

 

Nachdem das Thema "Deutscher Herbst & Co." in den letzten Jahren derart ausgiebig beackert wurde, wäre man geneigt zu sagen "Bitte nicht noch so eine RAF-Klamotte!". Doch was wir hier haben, ist ein außergewöhnlich subtiles Stück, in dem der Terror und seine Strukturen gar nicht so sehr im Vordergrund stehen, sondern zum einen das Abarbeiten einer ehemaligen militanten Aktivistin an der Normalität, und zum anderen das Abarbeiten der Nachfolgegeneration an ebendieser Gestalt. Die Inszenierung schaltet souverän zwischen diesen beiden Inhalts- und Zeitebenen, ohne den Zuschauer zu verwirren, und bietet ein Musterbeispiel für eine differenzierte künstlerische Auseinandersetzung mit der Epoche, die weder ins Moralische noch ins Klamaukhafte kippt. Das Stück ist sehr glücklich besetzt, souverän und überzeugend dargeboten, und unbedingt empfehlenswert.

 

 

 

 

Dorothea Marcus

IDENTITÄT UND ERINNERUNG - Uraufführung „ POLAROID" von Jan Dittgen und dem Nö-Theater

aKT 02/11

 

Drei Jugendliche wollen in die Disco, eine Frau sitzt auf dem Boden ihrer Wohnung und schreibt Tagebuch, eine muss sich in der Kirche übergeben, die Straßenbahn macht einen Umweg, weil in der Stadt ein Terroranschlag passierte. Zunächst scheint „ Polaroid" der Kölner Autoren Jan Dittgen und Andreas Gründel ein Episodenstück zu sein ohne inneren Zusammenhang.

 

Erst später fügt es sich zu einem spannenden Drama über Identität und Erinnerung und einer Montage von zwei Zeitebenen. Die Frau, die ihre Sachen packt, ist Veronika in der Vergangenheit (lsabel Hemmig sticht aus dem jungen Ensemble durch ihre reife, ruhige Spielweise heraus), sie muss alles aufgeben. Wahrscheinlich war sie eine Terroristin, aber das wird nur zum Schluss in einer flüchtigen Boulevard-Schlagzeile bestätigt. Auf  der Flucht, ohne Geschichte und Hintergrund kommt sie bei der Familie ihrer Freundin (Ingrid Fritsch) unter, macht mit ihr Urlaub, lichtet die Kinder auf Polaroidfoto ab, weckt das Misstrauen des Ehemanns (herrisch und präsent: Heinz Welper).

 

In der Gegenwart entdeckt Alex, der damals als kleiner Junge von ihr geknipst wurde, in einer Kiste die alten Fotos und forscht, wer Veronika war. In Rückblenden wird der Urlaub nachgespielt, die Streits von Veronika und Ehemann, der Rauswurf, Veronikas Verzweiflung und Verschwinden. Ganz logisch ist das nicht, vieles kann Alex gar nicht ergründen. Dennoch ist interessant, wie sich die Geschichte im Kopf des Zuschauers zusammensetzt und man nach und nach merkt, dass etwa der Ehemann von damals heute als Vater im Rollstuhl sitzt. Alex, von Christian Stock frisch und engagiert gespielt, entwickelt sich vom smarten Disco- zum Einzelgänger, der sich von seinen Freunden distanziert und politisches Bewusstsein entwickelt - in seiner stärksten Szene brüllt er das Publikum an, das heute allenfalls für den eigenen Geldbeutel auf die Straße geht, während damals noch für echte Revolution gekämpft wurde.

 

Doch trotz schöner Einfälle wirkt die Inszenierung von Karaten Schönwald oft schultheaterhaft aufgesetzt gespielt. Etwa wenn Alex' Freunde kichernd auf der Bühne tänzeln und sich fürs Ausgehen verabreden oder Veronika und ihre Freundin Kartoffeln schälen. Vieles ist gestelzt, übertrieben und unglaubwürdig gesprochen, die Schauspieler treten stereotyp auf und ab und stellen zwischendurch noch ein paar Stühle oder Kerzenständer um. Veronika gelingt jedoch eine spannende Szene. Während sie Erinnerungen verbrennt und die Asche in eine Thermoskanne füllt, erzählt eine dumpfe Stimme vom Band, wie sie Tagebuch schreibt - eine irritierende Verfremdung, die andeutet, was es bedeutet, seine Identität aufgeben zu müssen. Ansonsten werden die Zeitebenen schlicht durch schauerlich gemusterte 60-Jahre-Kleidung angedeutet. Schade, dass man sich da nichts andres einfallen ließ.

 

 

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