Hans im Glück und die gestohlene Wurst

Lachen, Schadenfreude und soziale Empathie im Grundschulalter

1. Zwei Figuren — ein Name

Hans im Glück ist einer der merkwürdigsten Helden der Märchenliteratur. Er tauscht einen Goldklumpen gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen eine Wurst — und am Ende steht er mit leeren Händen da und ist vollkommen zufrieden. Er verliert alles und nennt es Glück.

Hans Wurst hingegen ist der Ausgelachte, der Tölpel, dem die Wurst gestohlen wird. Er ist kein freiwilliger Verzichter, sondern ein Bestohlener. Über ihn wird gelacht — nicht mit ihm.

Die Kollision dieser beiden Figuren ist der theatrale Motor des Vorhabens. Was bedeutet Verlust? Was bedeutet Glück? Wer entscheidet, ob jemand komisch ist oder beneidenswert? Und warum lacht die Gruppe über den einen — und nicht über den anderen?

Die gestohlene Wurst ist das Scharnier: Sie verbindet das freiwillige Loslassen des Märchen-Hans mit dem unfreiwilligen Verlust des Hanswurst. Was bleibt, wenn die Wurst weg ist?

Hans Wurst wurde im Zeitalter der Aufklärung von der Bühne verbannt — Gottscheds Theaterreform von 1737 erklärte ihn für unvereinbar mit dem moralischen Anspruch der bürgerlichen Bühne. Doch in der Logik der negativen Dialektik Adornos kehrt der Unfug zurück: nicht als Versagen der Vernunft, sondern als ihr notwendiges Korrektiv. Hans im Glück ist in diesem Sinne eine List des Märchens — der Tölpel, der am Ende recht behält.

2. Ziele — beide Varianten

Erkenntnisziele

  • Die Kinder verstehen, dass Lachen verschiedene Formen hat und unterschiedliche soziale Funktionen erfüllt.
  • Sie erkennen Schadenfreude als strukturiertes soziales Phänomen — Ausdruck von Status, Zugehörigkeit und umgekippten Erwartungen.
  • Sie entwickeln durch die Gegenüberstellung beider Hans-Figuren ein Gespür für verschiedene Haltungen zum Verlust.

Empathieziele

  • Die Kinder erleben durch Perspektivwechsel, wie sich dieselbe Situation für verschiedene Beteiligte unterschiedlich anfühlt.
  • Sie entwickeln ein differenziertes Gespür für die Grenze zwischen gemeinsamem Lachen und ausschließendem Auslachen.

Handlungsziele

  • Die Kinder gewinnen Werkzeuge, um eigene Reaktionen im Gruppenalltag bewusster zu gestalten.
  • Sie erproben konkret, was Solidarität in Gruppen erfordert — und wo sie schwierig ist.

3. Methodik

Beide Varianten arbeiten konsequent mit den Mitteln des Theaters. Rollenspiel und Szenenarbeit sind nicht Hilfsmittel der Pädagogik, sondern der eigentliche Erkenntnis- und Erfahrungsraum. Die beiden Hans-Figuren sind theatrale Haltungen, die die Kinder von innen kennenlernen: Was bedeutet es, Hans im Glück zu spielen? Was bedeutet es, der Bestohlene zu sein? Was bedeutet es, zuzuschauen?

  • Rollenspiel und Szenenarbeit als Hauptmedium
  • Statusübungen und Perspektivwechsel als wiederkehrende Grundformen
  • Gruppenarbeiten mit strukturierter Reflexion
  • Plenumsdiskussion und Gesprächskreis
  • Kreative Gestaltungsformen: Bild, Szene, Text, Körperbild, Collage
  • Märchentext als literarisches Ausgangsmaterial (Hans im Glück, Grimm)
  • Filmbeispiele oder weitere Texte als optionales Vertiefungsmaterial

 

 

3. Theaterpädagogischer und theoretischer Hintergrund

Hans Wurst wurde im Zeitalter der Aufklärung von der Bühne verbannt, weil er das Unkontrollierte, das Körperliche, das Niedere verkörperte. Gottscheds Theaterreform wollte eine Bühne der Vernunft — ohne Tölpel, ohne Unfug, ohne das Lachen über den anderen. Doch Adornos negative Dialektik zeigt: Was verdrängt wird, kehrt zurück. Nicht als Überbleibsel, sondern als Kritik. Der Unfug auf der Bühne hält die Widersprüche offen, die die Vernunft zu glätten versucht.

Hans im Glück ist in diesem Sinne eine List des Märchens: Er ist der Tölpel, der am Ende recht behält. Sein Verlust ist kein Unglück — oder er nennt ihn keines. Darin steckt ein subversives Potential, das beide Varianten des Vorhabens produktiv machen: Wer entscheidet, was ein Verlust ist? Wer entscheidet, worüber gelacht wird?

Die Auseinandersetzung mit Status, Zugehörigkeit und dem sozialen Ort des Lachens knüpft an Forschungsansätze zur Empathieentwicklung im Grundschulalter an. Das Vorhaben geht davon aus, dass Kinder in diesem Alter bereits in der Lage sind, zwischen Perspektiven zu unterscheiden — und dass Theater der geeignete Raum ist, diese Fähigkeit zu erproben und wachsen zu lassen. Im Ganzjahresprojekt entfaltet diese Entwicklung ihren vollen Bogen.

5. Einbindung im Düsseldorfer Modell

Beide Varianten sind als OGS-Angebote im Rahmen des Düsseldorfer Modells konzipiert: verlässliche Kursgruppen, kontinuierliche Begleitung durch eine feste anleitende Person, Einbindung in den Gesamtrhythmus der Schule. Die theaterpädagogische Arbeit ist bewusst nicht im Bereich Kunst und Kultur verortet, sondern im Bereich sozialen Lernens — mit theatralen Mitteln und reflexiven Zielen.

Differenzierung nach Jahrgangsstufe:

  • Klassen 1–2: Stärkerer Fokus auf das Märchen als Ausgangserzählung, mehr Körper- und Bildarbeit, kürzere Reflexionsphasen.
  • Klassen 3–4: Vertiefung der Statusarbeit und Gruppenanalyse, stärkere Verbindung zur Lebenswelt der Kinder.
  • Gruppen mit besonderem Förderbedarf: Vereinfachte Szenenstruktur, engere Begleitung, mehr Wiederholung der Grundfiguren.