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WAS IHR WOLLT von W. Shakespeare (Köln, 2010)

MERCIER & CAMIER - Dramatischer Versuch einer szenischen Lesung des gleichnamigen Romans von Samuel Beckett (Erlangen, 1992)

FUGA von S. Lohuizen (Köln, 2018)

Flammen

Verführung als epistemische Praxis

Gegenüberstellung: Kierkegaard – Fabel – Performativität

Ebene Kierkegaard Die Fabel Theorie der Performanz
Ontologie Ästhetische Existenz Feldstruktur Vollzug als Sein
Subjekt Ästhetiker Operator im Feld Pol im relationalen System
Begehren psychologisch strukturell performativ
Ironie Schutz Technik Vollzugsform
Cordelia Objekt Pol Attraktor
Scheitern moralisch strukturell epistemisch
Ziel Kritik des Ästheten Morphologie der Verführung Ontologie des Vollzugs

 

Eine interdisziplinäre Theatermontage nach Kierkegaards >Tagebuch des Verführers<

Die vorliegende Studie widmet sich der Figur des Verführers als Schnittstelle zwischen ästhetischer Erfahrung, existenzphilosophischer Selbstdeutung und sozialer Performativität. Ausgangspunkt ist Søren Kierkegaards Tagebuch des Verführers, ein Text, der in der Forschung häufig als literarische Illustration des ästhetischen Stadiums verstanden wird, dessen Struktur und Funktion jedoch weit über eine bloße Erzählung hinausweisen. Kierkegaards Text ist ein archivisches Gefüge: eine Sammlung von Briefen, Notizen, Beobachtungen und Reflexionen, die Johannes’ methodische Annäherung an Cordelia dokumentieren. Diese Form ist nicht zufällig, sondern bildet die Grundlage für eine epistemische Versuchsanordnung, in der Verführung nicht als moralisches oder psychologisches Phänomen erscheint, sondern als Methode, als Erkenntnispraxis, als ästhetische Operation.

Das Projekt „Das Tagebuch des Verführers – Eine interdisziplinäre Theatermontage“ geht von der These aus, dass Verführung eine ästhetische Erkenntnispraxis darstellt, in der sich das Selbst im Spannungsfeld von Möglichkeit, Angst, Ironie und Selbstverlust konstituiert. Die Bühne wird damit zum Ort, an dem diese Versuchsanordnung sichtbar, erfahrbar und reflektierbar wird. Die eigens erstellte Fabel, die als eidetische Reduktion des Kierkegaard’schen Materials dient, komprimiert den 180-seitigen Prosatext auf 15 Seiten und ermöglicht eine präzise dramaturgische Strukturierung. Sie bildet die Grundlage für eine Montage, die klassische Don-Juan-Stoffe, existenzphilosophische Motive und zeitgenössische Formen digitaler Verführung miteinander verschränkt.

Kierkegaards ästhetisches Stadium beschreibt eine Existenzform, die sich durch die Priorisierung von Möglichkeit gegenüber Wirklichkeit, von Ironie gegenüber Verpflichtung, von Verführung gegenüber Bindung, von Augenblick gegenüber Dauer und von Selbstbezug gegenüber Ethik auszeichnet. Johannes ist in diesem Sinne nicht Liebender, sondern Forscher. Seine Verführung ist kein emotionaler Prozess, sondern eine methodische Konstruktion. Er erzeugt Situationen, um die Reaktionen seines Objekts zu studieren. Die Liebe wird zum Experiment, das Subjekt zur ästhetischen Maschine. Die Fabel zeigt dies exemplarisch, wenn es heißt: „Der entflammte Geist prüft vorhandenes Material und zieht seine Schlüsse über das Wesen des Objekts seiner Begierde.“ Die Verführung erscheint hier als epistemische Praxis, die Welt und Selbst gleichermaßen untersucht.

Der Don-Juan-Mythos fungiert in diesem Zusammenhang als kultureller Attraktor, der in unterschiedlichen Epochen jeweils andere Aspekte der Verführung hervorhebt. Bei Tirso de Molina erscheint Don Juan als moralische Warnfigur, bei Molière als gesellschaftlicher Satiriker, bei Da Ponte und Mozart als Verkörperung erotischer Energie, bei Byron als ironische Selbstauflösung und bei Lenau als Ausdruck metaphysischer Leere. Das Projekt nutzt diese Vielfalt, um die Figur des Verführers als multidramatische Identität zu begreifen: ein Fragment, das sich in verschiedenen Rollen, Masken und sozialen Kontexten spiegelt. Die Fabel zeigt diese Multidimensionalität, wenn sie festhält: „Die Kraft und Macht eines wahrhaftigen Verführers liegt nicht in seinen Händen, sondern in denen seiniger Diener.“ Don Juan erscheint hier nicht als Einzelperson, sondern als sozialer Regisseur, dessen Macht sich aus der Struktur seiner Beziehungen ergibt.

Kierkegaards Kritik an Hegel und der institutionalisierten Religion führt zu einer radikalen Neubestimmung des Selbst. Das Selbst ist nicht Ausdruck eines metaphysischen Wesens, sondern der Ort subjektiver Wahrheit. Die Bühne wird damit zum Schauplatz existenzieller Erfahrung, in dem die Figuren nicht psychologisch motiviert, sondern ontologisch situiert sind. Die Fabel zeigt dies in der Beschreibung der Verlobung: „Die Person löst sich auf und wird zu einer guten Partie.“ Identität ist nicht innerlich, sondern sozial konstruiert. Die Verführung wird damit zu einer Operation, die die Bedingungen dieser Konstruktion sichtbar macht.

Im Zeitalter digitaler Vernetzung transformiert sich Verführung grundlegend. Profile ersetzen Körper, Algorithmen ersetzen Blicke, Passwörter ersetzen Intimität, Aufmerksamkeit ersetzt Nähe. Die Frage, wo Don Juan heute seinem Objekt der Begierde begegnet, verweist auf die Verschiebung der erotischen Ökonomie in digitale Räume. Die Bühne kann diese Transformation sichtbar machen, indem sie die Mechanismen digitaler Verführung – algorithmische Selektion, Blickökonomie, performative Selbstinszenierung – in ästhetische Verfahren übersetzt.

Die dramaturgische Struktur der Inszenierung folgt dem Prinzip der Montage. Montage bedeutet hier nicht bloß Aneinanderreihung, sondern die Herstellung eines Spannungsfeldes zwischen Fragmenten, die sich gegenseitig kommentieren, widersprechen oder überlagern. Die Fabel liefert die chronologische Achse, die Don-Juan-Fragmente die mythologische Achse, die Improvisationen der Schauspieler die gegenwärtige Achse. Die Montage erzeugt eine ästhetische Topologie, in der Identität nicht als Kontinuität, sondern als Überblendung erscheint. Fragmentierung, Überlagerung, Kontrastierung und Dissoziation werden zu zentralen Verfahren, die die Struktur der Verführung selbst reflektieren.

Die Figuren der Inszenierung bestehen nicht aus psychologischer Tiefe, sondern aus Rollenfragmenten, Sprachschichten, sozialen Masken und existenzphilosophischen Zuständen. Johannes erscheint als Cluster von Rollen: Forscher, Verführer, Ironiker, Ästhet, Flüchtender, Beobachter, Täter und Opfer seiner eigenen Methode. Cordelia ist nicht die Verführte, sondern Möglichkeit, Spiegel, Projektionsfläche, Widerstand, Erkenntnisquelle und Mythos. Die Figuren sind nicht psychologisch motiviert, sondern ontologisch situiert. Ihre Identität entsteht im Vollzug, nicht im Inneren.

Die Schauspielmethodik orientiert sich nicht an psychologischen Modellen, sondern an ontologischen Kategorien. Möglichkeit, Angst, Sorge, Ironie, Ekstase und Wiederholung bilden die zentralen Parameter des Spiels. Die Schauspieler arbeiten mit unvollendeten Gesten, fragmentierten Sätzen, Wiederholungen, Blickökonomie, körperlicher Spannung, kontrollierter Distanz und performativer Präsenz. Die Darstellung entsteht nicht aus innerer Motivation, sondern aus der Struktur der Situation. Die Figur ist nicht psychologisches Subjekt, sondern Ereignis.

Die Inszenierung besteht aus fünf szenischen Versuchsanordnungen: dem Blick, der Tante, der Verlobung als Falle, dem Kuss als Absolutes und der Flucht. Jede Versuchsanordnung ist eine epistemische Struktur, kein psychologisches Drama. Der Blick untersucht die Ökonomie der Wahrnehmung, die Tante die soziale Kontrolle, die Verlobung die institutionelle Maskierung, der Kuss die Grenze zwischen Sprache und Körper, die Flucht die Leere nach der Verführung. Die Versuchsanordnungen sind nicht Szenen im traditionellen Sinn, sondern Laborräume, in denen die Mechanismen der Verführung sichtbar werden.

Der Raum der Inszenierung ist eine Topologie der Verführung. Spiegel, Gänge, Nischen, Beobachtungsräume, digitale Oberflächen und Schattenzonen bilden ein Gefüge, das die Struktur der Verführung reflektiert. Die Zeit folgt nicht der Handlung, sondern der Intensität. Beschleunigung, Stillstand, Wiederholung, Rückblende, Vorgriff und Überlagerung erzeugen eine temporale Struktur, die der Logik der Verführung entspricht. Klang dient als atmosphärische Verdichtung, akustische Verführung, strukturelle Markierung und ironische Brechung.

Die Publikumsdramaturgie zielt nicht auf Belehrung, sondern auf Verführung. Das Publikum wird durch Fragmentierung, Ironie, Blickregie, Nähe und Distanz, digitale Spiegelungen und existenzielle Situationen in die Versuchsanordnung hineingezogen. Es erlebt Verführung als Erkenntnisprozess, nicht als moralische Erzählung.

Die Produktionsstruktur gliedert sich in fünf Phasen: Materialerschließung, Versuchsanordnungen, Montage, Feinarbeit und Endproben. Jede Phase dient der Entwicklung einer ästhetischen Struktur, die die epistemische Dimension der Verführung sichtbar macht.

Das Projekt zeigt, dass Verführung eine ästhetische Erkenntnispraxis ist, in der sich das Selbst im Spannungsfeld von Möglichkeit, Angst, Ironie und Selbstverlust konstituiert. Die Bühne wird zum Labor, in dem diese Versuchsanordnung sichtbar, erfahrbar und reflektierbar wird. Die Inszenierung verbindet klassische Stoffe mit zeitgenössischen Fragestellungen und zeigt, wie sich im Zeitalter digitaler Vernetzung die Mechanismen der Verführung transformieren und wie das Theater diese Transformation reflektieren kann. Verführung erscheint nicht als moralisches Problem, sondern als epistemisches Ereignis, das die Bedingungen des Selbst und seiner Weltbezüge offenlegt.