<!DOCTYPE html> <html lang="de"> <head> <meta charset="UTF-8"> <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1.0"> <title>Das Tagebuch des Verführers · theater24</title> <link href="https://fonts.googleapis.com/css2?family=EB+Garamond:ital,wght@0,400;0,500;1,400;1,500&family=Cormorant+Garamond:ital,wght@0,300;0,400;1,300;1,400&family=Inconsolata:wght@300;400&display=swap" rel="stylesheet"> </head> <body>
Eine interdisziplinäre Theatermontage · nach einer Idee von Sören Kierkegaard

Das Tagebuch
des Verführers

Verführung als epistemische Praxis

Johannes führt kein Liebestagebuch. Er führt ein Protokoll. Die Verführung ist Methode, das Objekt ist Material, die Bühne ist Labor.

Konzept

Verführung als Erkenntnismodus

Das archivische Gefüge

Kierkegaards Text ist keine Liebesgeschichte. Er ist ein archivisches Gefüge aus Briefen, Notizen, Beobachtungen, Reflexionen — die dokumentarische Spur einer methodischen Annäherung. Johannes ist nicht Liebender, sondern Forscher. Er konstruiert Situationen, um die Reaktionen seines Objekts zu studieren. Die Verführung wird zur Methode, die Liebe zum Experiment.

Verführung ist ein existenzielles Experiment, in dem sich das Selbst im Spannungsfeld von Möglichkeit, Angst und Erkenntnis konstituiert.

Don Juan als thematischer Attraktor

Die Figur des Don Juan durchzieht die europäische Theatertradition als kultureller Attraktor: bei Tirso moralische Warnung, bei Molière gesellschaftliche Satire, bei Da Ponte erotische Energie, bei Byron ironische Selbstauflösung, bei Lenau metaphysische Leere. Das Projekt nutzt diese Vielfalt: Don Juan als multidramatische Identität, als Fragment in wechselnden Rollen und Masken.

Das ästhetische Stadium

Kierkegaard beschreibt das ästhetische Stadium durch Möglichkeit statt Wirklichkeit, Ironie statt Verpflichtung, Augenblick statt Dauer. Johannes ist die vollständige Realisierung dieses Stadiums: Er existiert ausschließlich im Möglichen. Cordelia ist nicht sein Ziel — sie ist sein Material.

Existenzphilosophische Dimension

Kierkegaards Kritik an Hegels Aufhebung des Individuums im Weltgeist führt zur radikalen Neubestimmung: Das Selbst ist der Ort subjektiver Wahrheit. Die Bühne wird damit zum Schauplatz existenzieller Erfahrung. Die Figuren sind nicht psychologisch motiviert — sie sind ontologisch situiert.

Tabuisierte Erotik als Erkenntnisform

Erotik erscheint nicht als Reiz, sondern als Grenzphänomen, als Risiko, als Ort der Wahrheit über das Selbst.

Montage als Formprinzip

Fragmentierung der Identität, Überblendung von Zeiten und Räumen, Kontrastierung von Kierkegaard, Don-Juan-Mythos und digitaler Gegenwart. Die Fabel liefert die chronologische Achse. Die Don-Juan-Fragmente die mythologische. Die Improvisationen die gegenwärtige.

Figurenästhetik

Johannes ist kein Charakter — er ist ein Cluster: Forscher, Verführer, Ironiker, Ästhet, Flüchtender, Beobachter, Täter, Opfer seiner eigenen Methode. Cordelia ist kein Opfer — sie ist Möglichkeit, Spiegel, Projektionsfläche, Widerstand, Erkenntnisquelle, Mythos.

Verführung im 21. Jahrhundert

Im Zeitalter digitaler Vernetzung ermächtigt das Passwort den medialen Zutritt zum privaten Bereich einer virtuellen Person. Wo trifft Don Juan sein Objekt der Begierde heute?

Digitale Strukturelemente

Profil statt Körper. Algorithmus statt Blick. Passwort statt Intimität. Das digitale Tagebuch als modernes Logbuch der Verführung.

Fabel

Nach Sören Kierkegaard

Diese Fabel dient als Kompass. Formal folgt sie den einzelnen Absätzen, editorisch nach Datum sortiert, samt Nummerierung der Briefe. Inhaltlich ist ihr an Verdichtung gelegen — der Seitenumfang von 180 auf 15 komprimiert.

4.4.

Erste Begegnung im Spiegel eines Krämerladens. Die kleine kurze Hoffnung eines Seitenblicks. Gleich aus dem Wagen springen oder doch lieber auf festen Boden warten.

5.4.

Ein überraschendes Wiedersehen auf der Straße am Abend. Projektion fremden Lebens. Die Hilfe und der Händedruck eines Besessenen.

7.4.

Stelldichein mit einer schönen Unbekannten im Rahmen einer Ausstellung. Ihr Lächeln hinter dem Rücken des Geliebten als Dank der Anteilnahme.Adolf Brunn, ein verreister Freund

9.4.

Auf der Straße erneute Begegnung mit dem in Vergessenheit geratenen Imago des Begehrens. Nur ein grüner Mantel ist geblieben.

11.4.

Ihr Eindruck ist in seinem Gedächtnis aufgelöst in einen Rest von Erinnerung; die Melancholie des Verliebens.

14.4.

Für die entflammte Leidenschaft ist jede Begegnung mit ihrem Fetisch Öl ins Feuer der Verrückung.

20.4.

Treibend im Himmel der Hoffnung werden Sehnsucht und Erwartung gestillt durch die nebeligen Gesichte des Mondes.

21.4.

Das Eine und die Vielfalt prägen Münzen von unterschiedlicher Währung, von unterschiedlichem Gewicht. Billiger — weil einfacher und schlichter — das Eine; kostbare Begegnung im Unbestimmten.

5.5.

Der Zufall — sonst ein Freund der wilden Furcht — wird zum Albtraum, wenn es so scheint, dass die Welt sich aufgehoben hat im Stillstand ihrer selbst.

6.5.

Noch immer kein Wiedersehen; auch die Mäntel sind mittlerweile in den Schrank gesteckt. Was bleibt ist ein »vielleicht« — und der Frühling eben.

12.5.

Im Regen stehend fordert der Schirm von seinem Herrn ein Höchstmaß an Selbstverleugnung; nur ein kleiner Seitenblick darf Möglichkeit werden.

15.5.

Dem Zufall Dank gesprochen: Aus dem Gemächtnis des Verstecks heraus trifft der Verführer seine Liebe. Ein Missgeschick hindert weiteres Begegnen.

16.5.

Das Bild von ihr verfestigt sich gedanklich zusehends. Die Ohnmacht des ersten Moments in Kraft münzen, ohne dabei billig zu sein oder energeia einzubüßen.

19.5.

Ein erneutes Wiedersehen schafft dem Verrückten zugleich Ruhe und Bewegung des Geistes im Reflex auf ihren Namen.Cordelia

20.5.

Das Verlangen macht sich Luft in der Befriedigung des Wissensdurstes. Über Dritte erhaltene Auskünfte spiegeln das Fremde als unbekanntes Wesen im Alltag wider.Cordelia Wahl

21.5.

Ihr Schlafgemach weckt die Lust des Jägers, zu noch vorsichtigeren Methoden der Observation in dunklen Nächten herabzusteigen.

22.5.

Der Kontakt ist hergestellt, man wurde einander vorgestellt. Nur keine Plötzlichkeit aufkommen lassen, die den Schleier des Verlangens voreilig lüftet.Frau Jansen und deren zwei Töchter

23.5.

Ihr Fall birgt Hindernisse, da die Isolation der verbliebenen Familie nahezu perfekt funktioniert. Ihr Motor ist Geiz und Strenge — die Angst der Tante vor falschem Umgang.Die Tante

27.5.

Der entflammte Geist prüft vorhandenes Material und zieht seine Schlüsse über das Wesen des Objekts seiner Begierde.

30.5.

Der Traum von der Hingabe der Frau im Anschluss an das Netz der innerweltlichen Verstrickung der Körper. Man sieht sich im Verborgenen immer öfter. Die Heraufbeschwörung ihres Namens Mächte ist verbunden mit der Nähe des Privaten.

2.6.

Zur Psychologie des Opfers der Verführung: Der Wunsch, sich zu ändern, eine andere Geschichte zu besitzen, von anderem Geschlecht zu sein.

3.6.

Immer noch herrscht Unklarheit ob des Verhältnisses. Im Stolz der verborgenen Liebe erleuchtet das Interessante die Scheu des Begehrens, so dass die Geschichte der Verstrickung ihren Gegenstand gefunden hat.

5.6.

Der geharnischte Engel steht gleich vor der Tür.Edvard. L

7.6.

Dem unmaskierten Nebenbuhler werden die Sporen nur noch tiefer in die Flanken getrieben. Die Tante ist für sich gewonnen. Der Umweg über den Hass macht aus Mitleid Ironie. Die Kraft und Macht eines wahrhaftigen Verführers liegt nicht in seinen Händen, sondern in denen seiniger Diener.Drei Liebespaare · Eine Bekannte

3.7.

Die Taktik ist die denkbar einfachste: das Gegenteil vorgeben. Die Entscheidung ist nahe, aus Freund wird Feind. Bald ist — volente deo — Verlobung.Familie Baxter

23.7.

Die in ernster Rede vorgestellte Verlobung dient der Leidenschaft als Halt. Die Person löst sich auf und wird zu einer guten Partie.

31.7.

Gerne teilt der Besessene seine Begierde mit Dritten; seine Dienste gehen von Verkupplung über Voyeurismus bis hin zum Austausch der Teilnehmer.

3.8.

Der hintergangene Freund ist außer sich vor Empörung. Mit ein bisschen Liebe kann sich die Begierde nicht zufrieden geben. Sie will alles und ganz und gar.Freunde und Anverwandte


Briefe
1. Brief

Erstmals wird die Entwicklung in differenzierten Zuweisungen der Liebe als Veränderung benannt — who is who.

2. Brief

Direkter Angriff auf das institutionelle Gehabe. Nicht das Herz ist Diebesgut, sondern vielmehr das geheime Spiegelbild des Opfers.

3. Brief

Wie ein Virus wird das Verlangen nach Ewigkeit des lieblichen Augenblicks in das Herz der Sehnsucht implantiert.

4. Brief

Die Verlockungen einer Kutschfahrt durch unberührte Landschaft, wo im Vertrauen der Natur die Zügel losgelassen werden.

7. Brief

Um das Wunderbare der Erotik zu entwickeln, bedarf es feinster Streichelein von der Art, die unmittelbar zu Herzen gehen.

11. Brief

Ohne Angabe konkreter Mächte ist der Widerstreit in einem selbst am verführerischsten.Das Fischermädchen

13. Brief

Cordelias letztes Stündlein hat geschlagen, denn nun ist sie bereit.

Ist die Antwort zum Kuss geworden, kommt diese Identität dem Absoluten gleich.20. Brief

21. Brief

Ein Akt der Methode ist das verführte Opfer zum Sprechen zu bringen, in dem es ganz gebietet. Verständnis liegt ausschließlich in der Zeit.

25. Brief

Erfüllung findet die Liebe wesentlich im Verlassen des allgemein Vertrauten. Nur eines ist sicher: dass in See gestochen ist.


16.9.

Freies Gefieder gleitet empor in der erwarteten Nacht voll Dauer, Kraft und Stärke. Die Tante ordnet die Entfernung Cordelias an, was zur Entführung Anlass gibt.

24.9.

Die Erfüllung steht kurz bevor. Alles Sein ist schön durchtränkt von Grausamkeit.

25.9.

Die Sonne lichtet die Nacht der Erkenntnis. Fleisch der Gedanken allein wäre im weiteren noch erfahrbar durch Ergebenheit.

Methodik

Ontologische Schauspieltechnik

Die Schauspieler arbeiten nicht psychologisch, sondern ontologisch.

  • MöglichkeitPräsenz ohne Festlegung. Jede Geste wird begonnen, aber nicht vollendet. Satzanfänge ohne Abschluss.
  • AngstNicht als Emotion — als Schwindel der Freiheit. Jede Bewegung ein Beinahe-Fallen.
  • SorgeHeideggers Sorge als Struktur. Die Figur trägt die Welt, nicht umgekehrt.
  • IronieDoppelbödigkeit ohne Zynismus. Der Schauspieler sagt einen Satz, denkt aber das Gegenteil.
  • EkstaseÄsthetische Ekstase als Selbstverlust. Eine Geste wird wiederholt bis zur Auflösung.
Szenische Versuchsanordnungen
I

Der Blick

Zwei Schauspieler, getrennt durch Spiegel.

II

Die Tante

Drei Schauspieler, einer spricht, zwei reagieren zeitversetzt.

III

Verlobung als Falle

Verlobung wird als Verwaltungsakt gespielt.

IV

Der Kuss als Absolutes

Der Kuss wird nie vollzogen, nur beschrieben.

V

Die Flucht

Der Schauspieler rennt. Das Publikum bleibt still. Leere als Endpunkt.

Produktion

Phasen der Entstehung

  • Phase IMaterialerschließung — Fabel, Don-Juan-Fragmente, Improvisationen. 2 Wochen.
  • Phase IIVersuchsanordnungen — Entwicklung der fünf Kernmodule. 3 Wochen.
  • Phase IIIMontage — Zusammenfügen der Module als Brüche. 2 Wochen.
  • Phase IVFeinarbeit — Rhythmus, Ironie, Körperlichkeit. 2 Wochen.
  • Phase VEndproben — Licht, Video, Musik. 1 Woche.

Dem Atomismus aller Anlehnung an Wissenschaftlichkeit gegenüber steht die Vorstellung von einem sich selbst besorgenden Sein.

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Das Tagebuch des Verführers

nach einer Idee von Sören Kierkegaard

Das „Tagebuch des Verführers“ besteht bei Kierkegaard im Ursprung aus einer Sammlung von Aufzeichnungen, Briefen, Anekdoten und Betrachtungen, die eine gesellschaftlich bedeutende Persönlichkeit namens JOHANNES als Spuren seiner erotischen Eroberung von CORDELIA WAHL im Privaten hinterlassen hat. Minutiös sind all die geheimen Momente der Liebe geschildert, in denen bzw. wie ihm das Objekt seiner Begierde ins Netz geht. Das ungleiche Spiel der Akteure fesselt im leidenschaftlichen Aufeinanderprallen absolut verschiedene Charaktere, den erfahrenen Liebhaber und die jungfräuliche Braut.

Gleich einem Wissenschaftler entwirft der Protagonist eine Reihe erotischer Situationen, in denen allein die Bereitschaft zur Versuchung erforscht werden soll. Der Liebe voll zur Aufgabe ihrer Familie, ihrer Person getrieben, bleibt der Antagonistin nur noch die Flucht, auf der sie aber dann auch vom Verführer verlassen wird. Was in Handlung umgesetzt einerseits zur Tragödie des Verlusts bei der Verführten führt, mündet bei dem Verführer andererseits in die Komik des Verrats. Das Groteske ist hier gleichzeitig verstanden als produktionsästhetisches Gestaltungsmittel sowie poetologischer Gattungsbegriff. Der daraus resultierende Stil deshalb rhapsodisch. Die Vielfalt möglicher Abenteuer beschwört eine Defragmentierung des Mythos herbei.

Der Versuch, in der Forschung neue Wege zu beschreiten, ist allgemein an die rücksichtslose Einsicht in das notwendige Geschehen des Wandels gebunden. Bestimmt ist infolge damit der Verlust des Gewohnten und die Versuchung groß, sich lieber über tatsächliche Zustände hinweg unterhaltend zu täuschen, um dementsprechend mit der scheinbaren Dauer bestmöglich seines Werdens versichert zu sein, als der Banalität, dass ursprünglich nichts für immer existiert, wirklich ins Auge zu schauen.

Im besonderen zeigt sich dieses Phänomen am Bild des Verführers: Don Juan bedient sich ebenso methodischer Vorgehensweisen, um die Gunst seines Objekts der Verführung zu erfahren; wie der Wissenschaftler, der die Welt systematisch auf ihre Qualitäten prüft, um Aussagen über die Grundbedingungen des Daseins zu erhalten. Beides geschieht wesentlich mit der Absicht, die eigene Existenz zu sicher; beides erscheint im Zweifel an der Aussicht auf Erfüllung dieser Wirklichkeit absurd und fragwürdig zugleich. Indem die Verführung zur Versuchung wird, entscheidet der Versuch in den Verführer und die Verführte. Inwieweit Täter und Opfer dabei eine Einheit bilden oder sich bloß vom ganzen übrigen Prozess abgrenzen wollen, entzieht sich aber dem Urteil. Aber mit Sicherheit ist auch tabuisierte Erotik im Spiel.

Mit dem „Tagebuch des Verführers“ verbunden ist bei Kierkegaard zugleich die existenzphilosophische Deutung des Menschlichen als „innerweltlich“ bestimmte Ganzheit. Aufgehoben im Weltgeist Hegels entging der Philosophie nach Kierkegaard die gegenwärtige Wirklichkeit des alltäglichen Lebens. Ebenso hatte sich nach ihm die Religion der Kirche von den Menschen entfernt; weswegen er sich einer nahezu polemischen Sprache bemächtigte, die – im Reflex auf alltäglich erfahrener Leidenschaft – frenetisch von der Kanzel die Existenz des Lebens predigt. Das eigene Selbst wird somit zum absoluten Schauplatz subjektiver Wahrheit.

Da es sich beim „Tagebuch des Verführers“ von Sören Kierkegaard jedoch um einen reinen Prosatext handelt, wäre für eine öffentliche Vorstellung als abendfüllendes Schauspiel das auf der Bühne gesprochene Wort noch zu erfinden. Dazu soll als textliche Vorlage eine Montage dienen, die sich zum einen aus dramatischen Bearbeitungen rundum Don Juan als thematischen Attraktor zusammensetzt und zum anderen Kierkegaards dargestellter Fabel folgen würde. Durch Improvisationen und szenisches Arbeiten könnte beides zu einer Spielfassung verschmelzen werden, die dann der Vorstellung zugrunde liegt. Einerseits wäre somit der Text eine Montage rund um die Figur von Don Juan, andererseits wären die Bühnenfiguren selbst in die Handlung involviert, indem sie ihre eigene Sprache entwickelt hätten. Kontrastiert diese Adversationen den Zuschauer entweder oder ist der Müßiggang des Schauspielers aller Lasten Anfang.

Dabei ist zu beachten, dass dann die Spielfiguren im Wesentlichen nicht aus der Feder „eines“ Autors stammen, sondern aus verschiedenen Fragmenten bestehen. Hierdurch soll der Zersplitterung der Persönlichkeit in die unterschiedlichsten Rollen des alltäglichen Lebens deutlich Rechnung getragen werden. Damit jedoch die Figuren auf der Bühne nicht bis zur Bedeutungslosigkeit in sich zerfallen, soll in interdisziplinärer Auseinandersetzung dem ReizReaktions-Schema als psychologisches Paradigma realistischer Schauspielkunst eine Theorie der Methode gegenüber gesetzt werden, die im Grunde von lebensphilosophischen Begriffen (wie Angst, Sorge, Ekel, Zorn usw.) geleitet ist. Dem beseelten Selbst der Figur wäre eine Definition gegenüber gestellt, in der die intervenierende Variable jener behavioristischen Blackbox-Psychologie allein als Phänomen quantenmechanischer Gesetzmäßigkeit erfasst wird.

So verlangt diese Inszenierung, neben den üblichen Produktionsprozessen in der Proben- und Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere das Verständnis zum paradigmatischen Wechsel in der Arbeit mit dem Schauspieler. Da seine zu verkörpernde Figur zum einen eine literarische, zum andern eine multidramatische Person darstellt, bedarf es besonderer Übungen, um auszudrücken, dass nichts unmöglich ist, außer die Möglichkeit selbst. Ein solches Axiom kann ein psychologisches Theater nach Stanislawski jedoch nicht vorstellen. Selbst die Brechtsche Verfremdung findet keinen gesellschaftlichen Bezug. Und die Psychologie Artauds wurzelt zu sehr im Schock des Pyote. Dem Atomismus aller Anlehnung an Wissenschaftlichkeit gegenüber steht hier die Vorstellung von einem sich selbst besorgendes Sein. Die interdisziplinäre Anwendung wissenschaftlicher Verfahrensweisen durch Theaterschaffende soll darstellen, wie mittels einer qualitative Analyse der Arbeitsmethoden im Theater kreatives Potential erschlossen werden kann, das aufgrund ideologischer Unentschiedenheit bislang nicht aufbereitet werden konnte und daher der ästhetischen Erfahrung entging.

Im Zeitalter globaler Vernetzung ermächtigt das Passwort den medialen Zutritt zum privaten Bereich einer virtuellen Person. D.h., wenn zur Verkaufsförderung in den Medien mit Erotik gehandelt wird, wenn Schutz der Privatsphäre zugleich Aufgabe des Individuellen bedeutet, wenn im Grunde der Gesellschaft ein verführerisches Grundrauschen herrscht, wo trifft dann Don Juan sein Objekt der Begierde heute?

Durch den interdisziplinären Charakter des Projekts soll vor allem ein junges Publikum angesprochen werden, was zum einen aufgefordert wäre, sich auf neue, ungewohnte Sichtweisen einzulassen, zum anderen vom Theater sowohl Unterhaltung und Vergnügen erwartet, als auch Zerstreuung wie Ablenkung sucht. Selbstverständlich werden sich ein Kritiker und ein Liebhaber des Boulevardtheaters höchst selten in der gleichen Vorstellung begegnen.

Aufgrund dieses Charakters ist das Projekt auf ein breites Publikum ausgerichtet. In Seminaren oder Workshops könnten nach Interessen einzelne Aspekte der daseinsanalytischen Untersuchung über den Begriff Sorge als Paradigma zur Entwicklung einer Schauspielkunst im Zeitalter postmoderner Ästhetik vorgestellt werden. Die Montagetechnik als produktionsästhetisches Gestaltungsmittel profitiert insbesondere aus den Erfahrungen, die im Schatten unserer aufgeklärten Sozietät im Internet existieren.

Dieses Projekt richtet sich also an Theatergänger, die zum einen Interesse für klassische Stoffe haben, zum anderen Vergnügen und Unterhaltung wünschen. Angesprochen werden sollen aber auch Randgruppen, die vielleicht sonst nicht so ohne weiteres ins Theater gehen würden. Themen, wie Lust, Erotik, Leidenschaft sind im Beisein der Liebe von dramatischem Potential.