Die Nacht kurz vor den Wäldern

Bernard-Marie Koltès

 

 

Wer kennt sie nicht, die spleenigen Mitbürger, die mitunter laut schreiend auf der Straße umherirren und zuweilen wild gestikulierend um sich schlagen, die einen ansprechen, ohne wirklich ein Gespräch zu suchen, die einen aufhalten, ohne dass sie im Wege stehen, die Verlassenen, Verstörten, Außenseiter der Gesellschaft. Einen Einblick in das Seelenleben einer solchen Person verschafft Koltès abgründiger Theatermonolog, mit dem ihm beim Festival von Avignon 1977 der große Durchbruch als Dramatiker gelang; und bis heute hat sein Text nichts an Aktualität eingebüßt. Dieses zeigt sich auch an den Kooperationen, die im Rahmen dieser aktuellen Inszenierung vereinbart wurden.

 

Ebenso wie der Stücktitel zwei verschiedene Bedeutungsebenen in sich vereint, beinhaltet auch der Text des Stückes zwei sehr unterschiedliche Aspekte. Einerseits schildert der Monolog des Fremden außerordentlich realistisch die Situation eines Außenseiters, so dass das Stück in dieser Hinsicht fast einer sozialkritischen Milieustudie gleichkommt. Andererseits tritt mit der Sprache ein ästhetischer Gestaltungswille zutage, der das Stück in die Nähe des postdramatischen Theaters stellt. Während also das Erzählte der Wirklichkeit verhaftet ist und bleibt, erweist sich die Erzählstruktur als nicht-linear, assoziativ und depersonalisiert. Dieser Spannungsbogen bietet den Anreiz für eine aktuelle Aufführung des Stückes.

 

Der ästhetische Inhalt des Stückes lässt sich bereits am Titel "Die Nacht kurz vor den Wäldern" sehr gut veranschaulichen. Zwei verschiedene Sinneswelten, "die Nacht" und "die Wälder", d.h. Zeit und Ort werden über die windschiefe Präposition "kurz vor", die gleichzeitig wiederum sowohl örtlich wie zeitlich zu verstehen ist, miteinander verknüpft. Aus dem eher intuitiven, denn analytischen Verständnis der Gleichzeitigkeit resultiert dann die sprachliche Poesie. Dieses Konstruktionsprinzip von Gleichzeitigkeit ist im Stück ein immer wiederkehrendes Motiv. Orte und Zeiten, Personen und Handlungen, Perspektiven und Haltungen werden derart miteinander verschachtelt, dass sich schon beim lesen mancher Passagen der Eindruck einstellt, man habe vergessen, die Seite umzublättern. Im musikalischen Bereich könnte man diese Kompositionstechnik mit der einer Fuge vergleichen.

 

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