Anmerkungen zur Inszenierung

 

 

Der Inhalt des Lustspiels Die deutschen Kleinstädter macht dem Namen seines Handlungsortes alle Ehre. Krähwinkel, gleichbedeutend mit einem über Gebühr aufgebauschten unbedeutenden Ereignis, ist jenes Klatschnest, in dem Titelsucht und Standesdünkel, Kleinbürgertum und Spießigkeit, Neid und Missgunst triumphieren. Von den Vertretern der Weimarer Literaturzirkel als „Thränenschleusen-Director“ verschien, zählte Kotzebue jedoch auch über Deutschland hinaus zu den populärsten und meistgespielten Autoren seiner Epoche. Selbst Goethe kam nicht umhin, 87 Stücke dieses Autors auf den Spielplan seines Theaters zu setzen. „In der Zeit von 1779 bis 1870 kamen am Mannheimer Nationaltheater im Durchschnitt auf eine Goethe- zehn Kotzebue-Aufführungen.“ Heutzutage ist ihm als „Meister des Banalen“ ein eher unrühmlicher Platz in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung beschieden und seine über 220 Bühnenstücke sind nahezu gänzlich in Vergessenheit geraten. Eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Werk schlägt sich derzeit allenfalls – und ein wenig überspitzt ausgedrückt – in Fußnoten der akademischen Wissenschaft nieder. Allein seine Kleinstädter kommen noch vereinzelt auf die Bühne.

 

Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die Frage, was von einer Inszenierung zu halten ist, die augenscheinlich weder eine spannende Handlung, noch einen, wenn ansonsten unterhaltsamen, so doch wenig gehaltvollen Text für sich beanspruchen kann. Ein Blick in die auch jüngere Aufführungsgeschichte des Stückes zeigt jedoch zugleich an, dass diesem Stoff ein gewisser Unterhaltungswert nach wie vor innewohnt. So bezeugen aktuelle Rezensionen der Aufführungen, dass der textlichen Vorlage ihr satirischer Unterton und den Bühnenfiguren ihre karikaturhaften Charaktere weiterhin nicht abzusprechen seien. Diese Qualität hatte schon Nietzsche in seiner Schrift Menschliches Allzumenschliches dem Werke Kotzebues konstatiert, indem er ihn als „das eigentliche Theatertalent der Deutschen“ bezeichnete und ihm attestierte, dass „der ehrliche Theater-Erfolg auf deutschen Bühnen im Besitze der verschämten oder unverschämten Erben Kotzebueischer Mittel und Wirkungen“ sich derer bediene, um „wenigstens im Theater sich der eingebornen pflichtstrengen Nüchternheit entschlagen zu dürfen.“

 

Demnach hat Kotzebue durch seine Dramatisierung des Banalen ein durchaus unterhaltsames Potential mit seinen Bühnenstücken erfasst. Jedoch kann dieser Hinweis für eine aktuelle Inszenierung des Stoffes nur die Atmosphäre, nicht aber das Genre der Theatervorstellung selbst vorgeben. Eine Inszenierung, die nur die satirische Intention der Vorlage berücksichtigen würde, verkennt dabei die theatergeschichtliche Entwicklung, in der sich eine zeitgenössische Theatervorstellung als eigenständiges Bühnenkunstwerk gegenüber dem Diktat des Textes als primärer und eigentlicher Aufführungsgrund emanzipiert hat. Eine Inszenierung, die die ästhetischen Vorgaben des Textes (Stil, soziale Milieus, politische Vorgänge oder individuelle Charaktere) schauspielerisch bloß nachzuzeichnen und unterhaltsam zu gestalten versucht, um sodann als Satire wahrgenommen zu werden, ignoriert die Vorgabe ihrer Eigenständigkeit als selbstbezügliches System. Erst durch die Einwirkung eines satirisch eingefärbten Blickes auf die Produktion im Prozess, d.h. erst durch die unterhaltsame Entblößung und Zurschaustellung der dramaturgischen Mittel und deren Mängel im Moment der Vorstellung selbst, gewänne die Inszenierung jenes satirischen Stoffes unterhaltsame Unmittelbarkeit, was eine heutige Aufführung berechtigen würde. Nun wäre eine Inszenierung der Kleinstädter, wie die aktuellen Rezensionen anzeigen, auch ohne Berücksichtigung dieses Ansatzes möglich, aber in Bezug auf deren ästhetische Qualität gehen solche Aufführungen dann aber doch nicht über den satirischen Anspruch des Textes hinaus; im besten Fall präsentieren sich solche Aufführungen des gleichen Genres heute vielleicht noch als gut gemachtes Volkstheater à la Millowitsch. D.h. für diese Theatervorstellung der Kleinstädter, dass aufzuzeigen wäre, wie die Selbstbezüglichkeit als Mittel verstanden Erfahrungen generiert, die über das nur satirisch sein hinausgehen.

 

Mit dem Banalen als thematischen Inhalt und der satirischen Atmosphäre als dessen ästhetischer Ausdruck ließe sich diese Theatervorstellung der Kleinstädter als eine unterhaltsame Inszenierung des Banalen beschreiben. Damit betreibt das Vorhaben eine Auseinandersetzung, die in der Architektur und bildenden Kunst jüngst unter dem Motto „Ästhetik des Banalen“ diskutiert wird. Hier wie dort treten die Erfahrung des Alltags und ästhetische Erfahrung nicht mehr als Antipoden, sondern dichotomisch in Erscheinung. Nach Danto ist gar von einer „Verklärung des Gewöhnlichen“ zu sprechen. Zudem wirft das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Gegenständen zum Gebrauch im Alltag und in der Kunst auch ein neues Licht auf das Verhältnis von Privatleben und Öffentlichkeit. Gerade im Zuge der sozialen Medien wird die Abgrenzung von Privatperson in der Öffentlichkeit und Veröffentlichung der/als Privatperson immer diffuser, so dass es immer schwieriger wird, zu unterscheiden, was inszenierte, was ursprüngliche Wirklichkeit ist und inwiefern Inszenierung und Wirklichkeit zu einander im Widerspruch stehen. Im heutigen Theater findet ein solche Wahrnehmung durch die sogenannten „Experten des Alltags“ ihre zeitgenössische Entsprechung; wobei dort die klassische Erzählstruktur, d.h. die fabelhafte Vergegenwärtigung einer in sich geschlossenen Handlung, durch eine autopoetisch konzipierte Komposition dokumentierter wie dokumentierender Bewegungen, Haltungen und Übergängen ersetzt wird. Im Gegensatz zu einer solchen Darstellung des Banalen samt dessen assoziierten Verzweigungen als authentisches Dokument soll diese Präsentation des Banalen in Form einer in sich schlüssigen Handlung eine Theatervorstellung bewirken, deren Authentizität dann in einer ebenso unmittelbaren wie unterhaltsamen Entblößung ihrer Bezüge begründet ist.

 

 

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