Ausgangslage
Wenn die Gesellschaft die Bühne für persönliche Geschichten bereitet
Prostitution ist in vielen Gesellschaften ein sichtbares Symptom tieferliegender sozialer Probleme. Armut, mangelnde Bildungs- und Berufsperspektiven sowie soziale Ausgrenzung zwingen zahlreiche Menschen — und oft sind es Frauen — dazu, unter Bedingungen zu arbeiten, die ihre Handlungsfähigkeit systematisch einschränken. In der Dominikanischen Republik ist dieses Phänomen eng mit Tourismus-Ökonomie, patriarchalen Strukturen und kolonialen Kontinuitäten verknüpft.
Theater bietet einen Raum, in dem diese Erfahrungen artikuliert werden können — ohne voyeuristische Exposition, ohne Stigmatisierung. Der Rückgriff auf Aristophanes' Lysistrata (411 v. Chr.) ist dabei keine Nostalgiegeste, sondern eine produktive Folie: Das Stück zeigt, wie weibliche Körper und Sexualität als Mittel politischen Widerstands instrumentalisiert werden können — und eröffnet damit eine doppelte Perspektive auf Geschichte und Gegenwart.
Theoretisch stützt sich das Konzept auf Pierre Bourdieus Begriff der symbolischen Gewalt (Bourdieu 1993), auf Richard Schechners Verständnis von Theater als sozialem Labor (Schechner 2002) sowie auf feministische Perspektiven von Judith Butler und bell hooks — Geschlecht als performative Praxis, Empowerment als kollektiver Prozess.
Methodik
Ästhetische Praxis als soziale Intervention
Das Vorhaben kombiniert vier theaterpädagogische Zugänge, die sich in der Arbeit mit marginalisierten Gruppen bewährt haben. Sie sind niedrigschwellig, empowernd und künstlerisch produktiv — nicht als Therapie, sondern als Probehandeln.
Forumtheater
Nach Augusto Boal: Szenen aus dem Alltag der Teilnehmerinnen enden in einer Sackgasse — das Publikum greift ein, verändert den Verlauf, erprobt Alternativen. Kollektive Aushandlung statt passiver Rezeption.
Bildertheater
Körperbilder zu Themen wie Macht, Abhängigkeit, Freiheit. Nonverbaler Zugang für Teilnehmerinnen, die sprachlich oder biographisch blockiert sind — ein Archiv kollektiver Erfahrung jenseits von Worten.
Psychodrama
Nach Jacob L. Moreno: Rollentausch, Spiegeln, Doppeln. Innere Konflikte — etwa zwischen ökonomischer Abhängigkeit und dem Wunsch nach Selbstbestimmung — werden externalisiert und gemeinsam bearbeitet.
Improvisation & kreatives Schreiben
Nach Viola Spolin: Spielerische Übungen zu Spontaneität und Perspektivwechsel. Biografische Fragmente werden in fiktionale Szenen überführt — ohne Zwang zur autobiografischen Offenlegung.
Projektstruktur
Von der Vorbereitung zur nachhaltigen Initiative
2 Monate
Vorbereitung
Kontaktaufnahme mit lokalen Organisationen und NGOs vor Ort. Rekrutierung der Teilnehmerinnen. Organisation von Räumlichkeiten, Materialien, Zeitplan. Fundraising und Fördermittelakquise — u. a. bei UN Women, Open Society Foundations, Goethe-Institut, GIZ und spezialisierten Frauenrechtsnetzwerken.
8 Wochen
Umsetzung — 8-Wochen-Workshop
Wöchentliche Ganztages-Workshops (6–8 Stunden). Aufbauend von Gruppenvertrauen über Szenenentwicklung bis zur Generalprobe. Regelmäßige Reflexionssitzungen sichern den Prozess.
3 Monate
Abschluss & Nachhaltigkeit
Öffentliche Aufführung in einem Community-Raum oder im öffentlichen Raum der Dominikanischen Republik. Evaluation. Gründung einer lokalen Initiative zur dauerhaften Beratung, Weiterbildung und beruflichen Integration.
| Woche | Schwerpunkt | Ziel |
|---|---|---|
| 1 | Einführung & Gruppenaufbau | Vertrauen, Aktivierung, erste kreative Ausdrucksmöglichkeiten |
| 2 | Persönliche Geschichten & Identität | Selbstreflexion, eigene Stärken erkennen |
| 3 | Solidarität & Gruppenidentität | Kollektiver Ausdruck, Zusammenhalt stärken |
| 4 | Rollen & Geschlechterrollen | Reflexion von Macht und sozialen Strukturen via Lysistrata |
| 5 | Konflikt & Lösung | Handlungsoptionen, Teamarbeit, Strategien |
| 6 | Dramaturgie & Zusammenfügen | Bühnenfluss, Kohärenz, szenische Struktur |
| 7 | Generalprobe & Feinabstimmung | Bühnenpräsenz, Timing, Sicherheit |
| 8 | Aufführung & Nachbereitung | Präsentation, Evaluation, Vernetzung |
Projektverantwortung
Karsten Schönwald — theater24.net
Theater24 ist ein freies Ensemble der performativen Künste unter der Leitung von Karsten Schönwald, Regisseur und Theaterpädagoge mit langjähriger Erfahrung in der szenischen Arbeit, der performativen Philosophie und der theaterpädagogischen Praxis.
Das Vorhaben Lysistrata in der Karibik ist Bestandteil des theaterpädagogischen Programms von theater24 und wurde im Zusammenhang mit Kontakten in der Dominikanischen Republik seit 2024 entwickelt.
Für Rückfragen, Kooperationsinteresse oder eine vertiefte Projektbeschreibung:
→ Kontakt aufnehmen → Vita / CV → Projektübersicht