Vorführungen - und ihr schlechter Ruf

Vorführen hat einen schlechten Ruf bekommen. Die Frage ist: woher?

Das Wort selbst ist neutral — vor-führen, nach vorne führen, sichtbar machen. Die negative Bedeutung ist eine Erfindung der Institution: vor Gericht vorgeführt werden, vor der Klasse vorgeführt werden. Immer ist eine Autorität im Spiel, die entscheidet wer sichtbar wird — und warum.

Die Geschichte ist länger: Panoptikum, Freak Show, Zirkus — überall wird jemand gezeigt, der keine Wahl hatte. Das Publikum zahlt, das Objekt trägt.

Der Unterschied hier ist ein struktureller: Unsere Vorführungen richten sich nicht an die allgemeine Öffentlichkeit — nicht an das anonyme Publikum der Vorstellung. Sie richten sich an ein internes Publikum: Eltern, Mitstreiter, Beteiligte, Eingeweihte. Wer kommt, weiß wozu er kommt. Und wer gezeigt wird, hat zugestimmt.

Das schließt die allgemeine Öffentlichkeit nicht aus — im Gegenteil. Wer diesen Text gelesen hat, ist bereits eingeweiht. Die Rahmung selbst macht das Publikum zum internen. Nicht Herkunft oder Zugehörigkeit entscheiden, sondern das Wissen um den Kontext.

Auch unsere Vorstellungen sind keine Zurschaustellung — es sei denn, wir stellen das Kunstwerk zur Schau. Den Menschen nicht. Das ist der Unterschied, den wir genau sehen wollen.

Wer hier vorführt, hat zugestimmt. Die Zustimmung ist das ethische Element in der kreativpädagogischen Arbeit von theater24.

In der Pädagogik rufen wir zur Teilhabe auf — zur Zustimmung.



Vom Zuschauen und Mitmachen im Vollzug der Maßnahme

Im kreativ-pädagogischen Zentrum von theater24 steht die performative Vermittlung ästhetischer Erfahrung. Performativität meint hier keine Kunstgattung für Profis — sondern partizipative Arbeit mit Laien.

Theater kommt vom griechischen θέατρον  — dem Ort des Schauens. Für denjenigen, der sich mit Theater beschäftigt, gibt es nichts, was außerhalb davon stattfindet. Auch das Zuschauen gehört dazu — nicht als Gegensatz zum Mitmachen, sondern als eigene Form der Teilnahme, der Teilhabe und der Zugehörigkeit.

Wer überseht, dass Theaterbesucher bereits per definitionem angesprochen sind, dadurch, dass es ohne Publikum kein Theater, keine Erscheinung des Phainons gibt, hat seiniges Dasein weder respektiert noch ernst genommen. Denn im théatron (dem alt-griech. Wort für Bühnensaal) im Tempel des Dionysos sitzen die Zuschauer genau dort, auf dem Platz, der ihnen schon in grauer Vorzeit angewiesen wurde. Wer also darüber hinaus noch explizit aktivieren will, darf sich nicht über sinkende Kartenerlöse beschweren.

Kein Angebot kommt fertig aus der Retorte. Jedes Vorhaben entwickelt sich zielgruppenspezifisch — mit den Fähigkeiten, Bedürfnissen und der Dynamik aller Beteiligten.

Das setzt voraus, dass kulturelle, um nicht zu sagen, kultivierte Bildungsträger hinter der Sinnhaftigkeit des eigenen Angebots stehen. Wenn nicht, kann ich vorne machen, was ich will — ich erreiche bestenfalls ein müdes Lächeln. Im Theater gibt es unter den Mitwirkenden keinen König, er wird gemacht als Produkt des ganzen Ensembles. Nicht nur Kinder, sondern jeder Mensch in dieser Situation nimmt sehr genau wahr, ob ihm geholfen wird oder ob er nur für den Akt der Verwaltung, wie Lear, auf ein Gleis geschoben wird.

Es gibt keine ehrlicheren Kritiker als Kinder. Wenn ein Stück sie langweilt, ist es zu 99,99 Prozent das Stück, was langweilt. So einfach ist das! Dieses Urteil zeugt nicht von mangelnder Aufmerksamkeit — sondern von einem guten Urteilsvermögen gepaart mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Dass Langeweile manchmal aus Unter- oder Überforderung entsteht, ist eine separate Frage — aber eine angenehme, da lösbare Frage. Wem aber auch diese Frage zu unangenehm, das Fragen selbst belastet, sollte sich vielleicht besser fragen, wo Teilnehmende sich noch intensiver langweilen können, als im Theater. Es ist der Ort, was die Zeit am längsten werden kann, aber auch am schnellsten vergeht.   

Mit dem Narren beschäftige ich mich aus professionellen Gründen täglich. Zum Narren machen lasse ich mich nicht!