Ein Stück auf der Flucht: "Fuga"

Ein Beitrag von Christoph Paul Hartmann (18.04.2016) | domradio.de

 

(O-Ton: 3x Telefonklingel) Die Bühne ist weiß, klinisch weiß, steril und unbehaglich. Vor einer weißen Wand schweben weiße Blumen in der Luft, vor einem Telefon an der Wand hängen zwei weiße Kittel. Nur nach und nach schälen sich drei Frauen aus weißen Säcken, die auf Sand liegen. Die Haut der Frauen wirkt ausgemergelt, überall haben sie Wunden. Ihre Gesichter sind weiß. Sie sind tot. Auf dem engen Raum der kleinen Bühne leben die Frauen dicht bei einander. Eine Gemeinschaft, die vor dem aus steht.

 

(O-Ton) „BRENDA: Ja, ich werde gehen. Heute.

DIE KLEINE: Fliegst Du.

BRENDA: Ich nehme den Zug.

DIE KLEINE: Ich würde fliegen. Wenn ich gehe, werde ich fliegen.“

 

Die älteste der drei Frauen will weggehen, eine andere wechselt immer wieder ihre Persönlichkeit, die dritte kauert verängstigt auf dem Boden. Wenn die Frauen miteinender reden, drehen sie sich gedanklich um sich selbst. Sie wollen aus ihrem Leben fliehen, doch es gelingt ihnen nicht. Dabei spielt der Text des Stückes oft mit der Sprache. Wörter, Phrasen oder ganze Sätze werden von anderen Figuren wieder aufgegriffen. Der Titel >FUGA< ist hier auch die musikalische Fuge, also Musik, die flieht.

 

(O-Ton) „DIE KLEINE: Wir werden lachen und singen und schreien vor Erleichterung. Wir werden für immer zusammen sein, meine Kleine.

LIEB: Ich habe Angst.

DIE KLEINE: Ich werde immer bei dir sein.

LIEB: Ich habe Angst.

DIE KLEINE: Ich werde immer bei dir sein.

LIEB: Du wirst mich nicht retten können.“

 

Als das Theaterstück von Susanne van Lohuizen im Jahr 1987 in Arnheim uraufgeführt wurde, erregte es einige Aufmerksamkeit. Die multiple Persönlichkeitsstörung war auf einmal auf der Bühne. Das Gefangen-Sein in sich selbst. Karsten Schönwald inszeniert das Stück in Köln im Kontext der Flüchtlingsfrage. Ohne dass es je direkt ausgesprochen wird, stellen die drei Frauen tote Flüchtlinge da, die am Strand von Lampedusa angeschwemmt wurden.

 

(O-Ton Schönwald) „Und wenn man sich dann damit beschäftigt, mit der Frage „Was ist Flucht“, dann stellt man sehr schnell fest, dass Flucht ein Nicht-Ort ist. Ein Ort, der gar keine richtige Wirklichkeit hat. Einen solchen Ort findet man vielleicht nur noch in Allegorie mit dem Fegefeuer. Das Fegefeuer ist auch ein Dazwischen. Das heißt also, man kommt irgendwo her, man befindet sich dazwischen und man geht irgendwo hin. Genau dieses Dazwischen versinnbildlicht jetzt unser Stück FUGA.“

 

FUGA ist eine Stunde sehr intensives Theater. Der Text fordert von Zuschauer Konzentration, um das Netz aus Sprache, Anspielungen und Wiederholungen heraus hören zu können. Und das ist nicht immer einfach, denn der Text ist komplex und abstrakt. Abstrakt ist auch die Inszenierung. Sie spielt mit farbigen Schatten auf der weißen Wand, taucht die Schauspielerinnen mal in kaltes, dann wieder in fast warmes Licht. In dieses Wechselbad von Stimmungen und Gefühlen zieht sie auch den Zuschauer hinein. Die Flucht nach vorn ist oft eine Flucht zurück.

 

https://www.domradio.de/radio/sendungen/kulturtipp/theaterstueck-von-suzanne-van-lohuizen-fuga

 

 

 

Begraben im eigenen Schicksal

Susanne Schramm  (19.04.2016) | Kölnische Rundschau

 

Sind es Schutzräume? Ge­fängnisorte? Leichensäcke? In einem komplett weißen Raum liegen drei Frauen in Hüllen aus weißem Plastik. Reißver­schlüsse auf - und das Spiel kann beginnen. Suzanne van Lohuizens „Fuga", in der Regie von Karsten Schönwald, als Gastspiel im Theater Tiefrot, fordert in 75 Bühnenminuten von Melanie Volberg, Silvia Be­rens und Karin Bünagel alles.

 

Sie machen sich nackt. Nicht nur durch die transparenten, mit Erdtarnfarben und Schuss­wunden wie gesprenkelten, kaum den Körper verhüllen­den Kostüme. Man denkt dabei an Tschechows „Drei Schwes­tern", an Williams' „Glasmena­gerie" und seine „Endstation Sehnsucht". An Beckettsche Ausweglosigkeit, Bachsche Fu­gen als qualvolle Variation des Themas Flucht in einer Endlosschleife. Umso dringlicher er­sehnt, desto unmöglicher wird es, von hier fortzukommen.

 

Lebendig begraben im eige­nen Schicksal flüchtet sich Lieb (Berens) in multiple Persönlichkeiten. Auch das immer wieder klingelnde Tele­fon eines imaginären Retters bietet keinen Ausweg. Die Träume vom Aufbruch bleiben in Worthülsen stecken, ersti­cken darin. Grandiose Leis­tung, ganz besonders von Silvia Berens. Viel Applaus für ein schwieriges Stück.

 

 

 

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